Vermeintliche Sensationsentdeckung im Nannerl-Notenbuch ist keine

Für Aufsehen hat kurzzeitig die These des australischen Musikers Martin Jarvis gesorgt, erstmals die kalligraphische Notenschrift von Mozarts älterer Schwester Maria Anna, genannt Nannerl, identifiziert und damit ihre Beteiligung an der musikalischen Ausbildung des jungen Mozart nachgewiesen zu haben.

Dies sei das Ergebnis fünfjähriger Forschungsarbeit, die Jarvis, Professor am Konfuzius-Institut der Charles Darwin University in Sidney, mit einem Expertenteam durchgeführt habe (Siehe: http://www.cdu.edu.au/newsroom/mozartmyster und http://www.telegraph.co.uk/news/worldnews/australiaandthepacific/australia/11848915/Mozarts-sister-composed-works-used-by-younger-brother.html). Die These beruht allerdings ausschließlich auf der angeblichen Identifizierung des von Wolfgang Plath bei der Diskussion des Nannerl-Notenbuchs im Rahmen der Neuen Mozart-Ausgabe als „Anonymous 1“ bezeichneten Schreibers: Nach Einschätzung von Jarvis ist Anonymous 1 „likely to have been Maria Anna herself.“

Diese Einschätzung ist aber völlig unbegründet: In der Mozart-Forschung ist dieser Schreiber spätestens seit 1972 (Ernst Hintermaier, 1991 präzisiert durch Cliff Eisen) namentlich bekannt: Es handelt sich um Joseph Richard Estlinger (1720–1791), der seit 1760 als Kontrabassist am fürsterzbischöflichen Hof in Salzburg angestellt war und dort zusätzlich als Kopist wirkte; er übernahm auch regelmäßig private Kopistendienste für die Mozart-Familie.

Mit der fehlerhaften Schreiberidentifizierung sind alle weiter reichenden Folgerungen von Jarvis obsolet.

Hintergrund

Im Jahr 1759 legte Leopold Mozart für seine damals achtjährige Tochter Maria Anna ein Klavierbüchlein an; das Buch blieb bis zum Ende der großen Westeuropareise 1763–1766 im Gebrauch. Im Laufe der Zeit wurde das Buch mit mehr als 60 Klavierstücken mit wachsendem technischem Anspruch gefüllt. Leopold trug auch erste Elemente zur Musiktheorie ein. Das Buch wurde bald auch für den Klavierunterricht ihres jüngeren Bruders Wolfgang verwendet. Das Nannerl-Notenbuch ist ein lebendiges Zeugnis für die musikalische Ausbildung von Maria Anna und Wolfgang Mozart; seine einzigartige Stellung unter den Salzburger Klavierbüchern aus der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts ergibt sich daraus, dass es die frühesten Kompositionen von Wolfgang Amadé Mozart enthält, größtenteils in der Handschrift Leopolds, der Stücke, die Wolfgang am Klavier vorspielte, aufschrieb. Das Nannerl-Notenbuch ist nicht vollständig erhalten geblieben; das größte Bruchstück (72 Seiten) befindet sich seit 1864 im Besitz der heutigen Stiftung Mozarteum Salzburg.

Im Rahmen der systematischen Erfassung der musikalischen Quellen aus dem Salzburger Dom ist Joseph Richard Estlinger inzwischen in zahlreichen Abschriften aus der Zeit um 1760 bis in die späten 1780er-Jahre nahezu lückenlos als Kopist nachgewiesen (Siehe http://www.kirchen.net/upload/25774_Estlinger.pdf und http://www.res.icar-us.eu/index.php?title=Estlinger,_Joseph_Richard_(1720–1791)). Umgekehrt ist aber auch Maria Annas Notenhandschrift durch zahlreiche Schriftzeugnisse, die bis zur großen Westeuropareise 1763–1766 zurückreichen, belegt. Ihre insgesamt eher ungelenk wirkende Schriftzüge und die geübte Kopistenschrift Estlingers sind leicht voneinander zu unterscheiden. Die Unterschiede der Schreiberhände können auch nicht durch eine „Gebrauchsschrift“ versus eine „Reinschrift“ erklärt werden.

Hingewiesen sei schließlich darauf, dass nach gegenwärtigem Kenntnisstand kein einziges der etwa 20 Stücke, die Estlinger – in Leopold Mozarts Auftrag – in das Nannerl-Notenbuch eingetragen hat, eine Komposition des jungen Mozart ist. Vielmehr handelt es sich um Übungsstücke, die überwiegend auch in anderen Salzburger Klaviermusikquellen überliefert sind. Maria Anna Mozart selbst hat offenbar keine Stücke eigenhändig in ihr Notenbuch eingetragen.

Jarvis hatte bereits 2006 die musikalische Welt mit der gleichfalls unverifizierten Behauptung überrascht, die bekannten Cellosuiten BWV 1007–1012 von Johann Sebastian Bach seien in Wirklichkeit musikalische Kompositionen seiner Ehefrau Anna Magdalena Bach.

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Über stiftungmozarteum

Mozarts Erbe – Bewahrung und zeitgemäße Auseinandersetzung Die Stiftung Mozarteum Salzburg wurde 1880 von Bürgern der Stadt Salzburg gegründet und hat ihre Wurzeln im "Dom-Musik-Verein und Mozarteum" von 1841. Seither setzt sie sich als Non-Profit-Organisation mit der Person und dem Werk Wolfgang Amadé Mozarts auseinander. Mit Initiativen in den drei Kernbereichen Konzertveranstaltung, Mozart-Museen und Wissenschaft schlägt sie die Brücke zwischen Bewahrung der Tradition und zeitgenössischer Kultur. Ihr Ziel ist es, wechselnde Perspektiven und neue Denkanstöße in der Auseinandersetzung mit dem Komponisten zu eröffnen.
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